Was ist ein „Honker“, wie klingt man auf dem Saxophon wie ein „Honker“?

Besonders in den 70er und 80er Jahren gab es kaum einen Hit ohne ein markantes Saxophon Intro oder Solo. Doch diese sehr oft schnulzigen und clean geblasenen Instrumentaleinlagen sind für Viele heute ein Graus. Nur selten blies jemand mit einem kernigen Soul-Sound wie Junior Walker im Song Urgent von Foreigner das Mik im Studio weg. Den definitiven Rest gab wohl diesem Genre das Intro Careless Whisper der Band Wham. Seither sind kaum mehr solche Saxophon Einlagen zu hören bei Welthits….

In den Zeiten des neuen Jazz und den grossen BigBands war das Saxophon DASJENIGE Lead-Instrument: Was für eine tolle Zeit für Saxophonist*innen (es gab tatsächlich auch ein paar Frauen dabei). Laute Gitarrensolis kannte man damals noch nicht. In den 1940er Jahren wurden die BigBands wilder, im Kampf um die Gunst des Publikums intensiver, lauter und spektakulärer (z.B. BigBand Battles im Savoy Ballroom in Harlem). Extrem hohe Trompetentöne, laute Tuttis und dazu das Tenorsaxofon als Hup- und Kreisch-Instrument. Diese Töne und der wilde Stil passte hervorragend zum neu aufkommenden Musikstil des Rhythm and Blues (https://de.wikipedia.org/wiki/Rhythm_and_Blues).

Illinois Jacquet, legte 1942 noch eine Schippe drauf. Mit seinem Tenorsolo über „Flying Home“ wurde er zum Begründer der „Honking-Schule“. „Honking“ heißt Hupen (Shaw, Arnold: Honkers and Shouters: The golden years of Rhythm&Blues, New York 1978). Es gilt als erstes Solo, von welchem eine Aufnahme existiert, in diesem bis in die Rock-Aera oft kopierten Stil (ab1:30 https://www.youtube.com/watch?v=caxbpeVwJHo). Viele Autoren sehen darin auch den Beginn des Rock‘ Roll.

Wer auf dem Saxofon „hupt“, wiederholt oft den gleichen Ton, möglichst laut und intensiv, kreischend hoch oder „bauchige“ tiefere Klänge. Der Sound soll dabei bewusst dreckig sein, Techniken wie Split-Notes, Growling (mit Einsatz der Stimme), Squealing (mit Biss aufs Blättchen), Pitchbending (Tonbeugung) oder Flatterzunge frei kombiniert. Dazu dazu weiter unten.

Zur wilderen Spielweise gehören bei Live-Auftritten eines R&B-Honkers auch Show-Einlagen. Bevor sich Saxophonisten auf den Rücken legten, zogen sie sich erst ihr Sakko aus – ohne dabei das hupende Solo zu unterbrechen. Dann spielten sie wild weiter rücklings auf dem Boden oder dem Tisch und strampelten dazu wild mit den Beinen. Big Jay McNeely war bekannt dafür, mit dem Saxofon hupend und kreischend auf dem Rücken durchs ganze Lokal zu rutschen.

Dann sprang er auf den Bar-Tresen und lief in einer Art Entengang bis zum Ende des Tresens und zurück, immer weiter hupend. Man nannte das „Barwalking“.

Eine gute Zusammenstellung der wichtigsten Rhythm and Blues Saxophonisten und damit auch der Honker gibt uns Pete Thomas, der diese Spielart des Saxophones besonders als Solist in der Band von Fats Domino und für die Aufnahmen zu Joe Jackson’s Jumpin‘ Jive Album studierte:
https://tamingthesaxophone.com/blues-saxophone

Ich bin in letzter Zeit ziemlich Fan von Red Prysock und Rusty Bryant geworden, nachdem ich bis anhin vorwiegend unter den Rhythm and Blues Saxophonisten viel Sam Butera, King Curtis und Junior Walker hörte.

Zum Honker-Sound:
Grundvoraussetzung ist sicher eine intensive Beschäftigung mit dem Ton. Vergiss für einmal Tonleitern, Du wirst dafür nicht sehr viele Töne brauchen. Man kann auch eine halbe Stunde fast immer auf dem selben Ton oder mit einer einfachen Pentatonik honken (siehe Big Jay McNeely).

Es lohnt sich gute Einspielübungen zu machen, Lockerungs- und Atemübungen, damit den Ansatz möglichst locker und „fluffig“ wird und der Sound aus dem Bauch erzeugt wird. Sie auch diesen Blogbeitrag: Guter Ton auf dem Saxophon

Beginne nur mit dem Mundstück, nehme dieses ganz locker und zu Beginn fast etwas zu weit in den Mund, es darf ruhig die Nachbarn nerven und wie ein Anfänger-Hupen klingen. Das Ziel ist ja nicht ein perfekter, cleaner Ton, sondern ein möglichst roher, hupender Sound. Dann versuche mit dem Senken des Kiefers den Ton noch tiefer zu bringen, dazu die Vorstellung im Rachen und Kehlkopf zwischen „spitzen“ Silben wie i und offenen wie a zu wechseln und den Ton ganz hinten im Hals unten entstehen zu lassen. Mit der Zeit solltest Du nur auf dem Mundstück eine ganze Oktave hoch und runter gleiten können. Wenn das für andere Menschen zu furchtbar klingt, suche Dir einen Ort weit weg in der Natur oder in einem Keller, wo Dich niemand hört…..

Ganz wichtig ist, alles auszuprobieren an Silben, Mund- und Lippenstellungen, Kopfneigung, den Kehlkopf versuchen zu spüren, die Vorstellung zu haben, den Sound aus dem Bauch heraus zu bringen und den Ton in der Halsröhre entstehen zu lassen. Vielleicht hilft es Einigen auch, sich vorzustellen, welche Töne man von sich gibt beim Orgasmus :-) Sich unbedingt achten beim Spielen von langen Tönen, wie sich die entsprechenden Änderungen am „Gesamtsystem“ von Bauch, Atmung, Körperhaltung bis zu den Lippen auf den Sound auswirken. Man kann sich dabei auch mit einem Mikrofon aufnehmen und vor der Aufnahme von längeren Tönen jeweils ins Mik sagen, was man als nächstens verändern wird. Diese Aufnahmen können dann im Nachhinein angehört und allenfalls mit Aufnahmen anderer Saxophonisten verglichen werden, um einen Eindruck zu erhalten, wie sich die Änderungen im Gebrauch der Körperfunktionen auf den Klang auswirken.

Nach solchen Einspielübungen auf dem Mundstück nimmt man den S-Bogen des Saxophons und macht eine halbe Stunde damit weiter, noch ohne das ganze Instrument. Man spielt wieder dieselben Übungen durch. Wenn Du nur auf dem S-Bogen einen satten, vollen Sound hinkriegst und dort auch die Töne weit runterziehen kannst mit ganz entspannter Haltung und entspanntem Ansatz, dann bist Du schon weit gekommen. Höre nicht auf, Dir vorzustellen, dass der Ton nicht im Instrument, sondern in deiner Halsröhre und hinten im Rachen entsteht und das sein leben aus deinem Bauch heraus kommt.

Mache dann dieselben Übungen mit dem Saxophon und Du wirst nach einer Stunde „Vorspiel“ mit Mundstück und S-Bogen merken, dass sich dein Sound auf dem Horn verbessert hat und „dicker“ klingt. Mir hat es geholfen, das Saxophon dabei auf einen hohen Ständer oder Ablage zu stellen, damit ich kein Gewicht am Hals oder den Schultern habe (je nach Trageriemen). Das hilft zu Beginn, möglichst entspannt zu bleiben.

Zu Techniken wie False-Fingering, Growling, Flatterzunge etc. in einem späteren Beitrag.